Die alte Hexe lernt dazu

Sie begann sich in ihrem Häuschen am Meer einzurichten. Nicht allzu sehr, denn sie wusste ja nicht, ob sie bleiben wollte. Möbel waren vorhanden, etwas Wäsche, Geschirr und Töpfe in der Küche auch. Mehr brauchte sie nicht.
Sie genoss lange Strandspaziergänge, von denen sie Muscheln und Schwemmholz mitbrachte. Damit dekorierte sie ihre Veranda. Im Haus wollte sie die Sachen nicht, denn vor allem das Holz verbreitete einen penetranten Fischgeruch während es trocknete.
An warmen Herbstnachmittagen sass sie in dem alten Schaukelstuhl auf der Veranda und genoss die letzten wärmenden Sonnenstrahlen des Jahres. Der Schaukelstuhl quietschte ganz leicht. Dieses Quietschen, zusammen mit dem Rauschen der Brandung und dem leichten Wind, der immer blies, hatten eine beruhigende Wirkung auf die alte Hexe. Sie merkte, dass die lange Wanderschaft sie doch etwas ermüdet hatte, und es ihren Knochen und Gelenken gut tat, sich etwas auszuruhen. Auch ihre Gedanken beruhigten sich, und so verdöste sie manchen Nachmittag. Hinter dem Haus hatte sie ein verlottertes Fahrrad gefunden, dass ihr der Vermieter reparierte. Er erzählte ihr von den Menschen im kleinen Dorf in der Nähe. Die alte Hexe hatte das Dorf und einige der Menschen bei ihren Einkäufen kennen gelernt, wollte aber nicht weiter mit ihnen zu tun haben. Schliesslich war sie hier um nachzudenken. Trotzdem begann sie mit dem Fahrrad die Umgebung zu erkunden. Es war ein flaches Land mit Wiesen, Schafweiden, vereinzelten Bauernhöfen und eben, dem kleinen Dorf.
Die Menschen waren freundlich und fragten die Hexe nach dem Woher und Wohin. Da sie dies ja selbst nicht wusste, erzählte sie sie, sei unterwegs und würde sicher den Winter über hier bleiben. Damit gaben sich die Menschen zufrieden und fragten nicht weiter nach.
Der Hexe gefiel das, und weil sie sowieso gerne Fahrrad fuhr, nahm sie täglich den Weg in’s Dorf unter die Räder um einzukaufen.
Eines Tages, als die alte Hexe beim Krämer in der Schlange stand, sprach sie eine junge Frau an, und begann ihr von ihrem Freund zu erzählen. Er war im Frühjahr zu seinem Onkel in die grosse Stadt gefahren und hatte ihr nun geschrieben, er würde nicht mehr zurückkommen. Sie  solle ihn doch vergessen. Wie konnte er nur so etwa von ihr verlangen, von ihr, die ihm ewige Treue geschworen hatte! Die alte Hexe hörte der jungen Frau zu. Sie hatte ja sowieso nichts anderes zu tun. Sie stellte hin und wieder eine Frage, sodass die junge Frau immer weiter erzählte bis sie an die Reihe kam. Als sie bezahlt hatte, verabschiedete sie sich von der alten Hexe und bedankte sich für ihre tröstenden Worte. Diese war erstaunt. Sie hatte doch kaum etwas gesagt. Etwas verwundert radelte sie nach Hause. Sicher, sie hatte in den Augen der jungen Frau die Trauer gesehen und daraufhin ein zwei Fragen gestellt. Ansonsten hatte sie einfach zugehört und hin und wieder eine Bemerkung gemacht. Sie schüttelte den Kopf und vergass dann die Sache.
Doch einige Tage später erlebte sie dasselbe noch einmal. Diesmal beim Bäcker, mit einer etwas verhärmt wirkenden Frau, die ihr von ihrer Tochter erzählte, von der sie nur zwei Mal im Jahr einen Brief bekam. Auch diese Frau bedankte sich bei der alten Hexe für das wohltuende Gespräch und wünschte ihr einen ganz guten Tag.
Die alte Hexe fragte sich schon, ob sie wohl nur noch Trauriges von den Menschen erfahren würde. Jedoch eine Woche später, diesmal beim Metzger, kam die junge Frau auf sie zu und umarmte sie. Der alten Hexe wurde das etwas zu viel, und sie begann zu husten. Erschrocken liess die junge Frau sie los. Aber sie erzählte übersprudelnd vor Freude von ihrer neuen grossen Liebe, dem Sohn des Fischers. Sie hätte früher nie gemerkt, wie nett der sei und nachdem ihr sie, die alte Hexe ja gesagt hätte, manchmal würden Dinge enden, damit etwas Neues beginnen könne, habe sie Ja  gesagt, als der Fischerssohn sie zum wiederholten Mal eingeladen hatte mit ihm auf’s Meer hinaus zu fahren.
Die alte Hexe schüttelte beim nach Hause Radeln erneut den Kopf und wunderte sich über die Menschen, die ihr einfach aus ihrem Leben berichteten. Aber es freute sie, heute etwas Schönes erzählt bekommen zu haben.
In den nächsten Tagen tobte der erste Wintersturm über das Land, sodass die alte Hexe keinen Fuss nach draussen setzen konnte. Sie war froh, hatte ihr Vermieter sie vorgewarnt. Vorräte waren genügend da. Er hatte ihr auch Holz gespaltet und hinter dem Haus aufgeschichtet.
Am ersten Tag hatte sie Angst, ihr würde das Dach weggeblasen. Das Haus war jedoch erstaunlich stabil gebaut. Ausser der Verandadekoration, die vom Wind davon gewirbelt wurde, blieb alles heil.
Sie begann es sich in ihrem Haus gemütlich zu machen. Nur einmal täglich stemmte sie sich gegen den Sturm um Holz zu holen. Es war kalt geworden und sie musste dafür sorgen, dass der Ofen nicht ausging. Zum ersten Mal zündete sie auch ein Feuer im offenen Kamin an, setzte sich in ihren Schaukelstuhl, den sie in weiser Voraussicht rechtzeitig herein geholt hatte und hörte den tobenden Gewalten draussen zu. Zwischendurch buk sie Brot, kochte sich Linsensuppe mit Speck und röstete Bratäpfel im Ofen. Nach drei Tagen war der Sturm vorbei, dafür lag am Morgen so viel Schnee, dass die alte Hexe zuerst die Hintertür freischaufeln musste, bevor sie Holz holen konnte. Auch das Meer hatte ein grosses Stück Strand weggefegt und die Brandung tobte jetzt einiges näher wie vor dem Sturm. Die alte Hexe war einmal mehr erleichtert, genügend Vorräte im Hause zu haben. Denn sie war eingeschneit. Sie kochte Polenta mit Käse, buk wieder Brot, und mit den Eiern, die sie noch hatte,  zauberte sie einen herrlichen Kuchen, nur für sich alleine.
Nach weiteren drei Tagen hörte sie am Mittag Stimmen und ein heftiges Klopfen an der Hintertür. Als sie diese öffnete sah sie sich ihrem Vermieter und zwei weiteren Dorfbewohnern gegenüber. Die drei waren richtig erleichtert, sie wohlauf anzutreffen. Die Strasse war seit dem Vortag wieder frei, und die Dorfbewohner hatten sich um sie gesorgt.  Die alte Hexe war erstaunt und gerührt. Erstaunt, dass sich wildfremde Menschen um sie sorgten und gerührt, weil diese persönlich vorbei gekommen waren um nach ihr zu sehen. Sie war froh, noch ein grosses Stück vom Kuchen übrig zu haben, kochte Tee und lud die drei Herren in ihr Haus ein. Da ihr Besuch sicherheitshalber eine Flasche Korn mitgebracht hatte, wurde ihnen bald sehr warm, und so befand sich die alte Hexe inmitten einer lustigen Runde. Einer der drei Herren, dessen Familie schon seit Generationen im Dorf wohnte, erzählte schaurige Geschichten von gestrandeten Schiffen, Strandpiraten und unerlösten Seeleuten, die in Winternächten in den Häusern nach Wärme und Geborgenheit suchten. Der alten Hexe wurde etwas blümerant beim Gedanken den Rest des Winters so ganz alleine in ihrem Häuschen zu verbringen, besonders nachdem die drei Herren in bester Stimmung wieder losgezogen waren. Aber dann schalt sie sich eine dumme Gans. In Geschichten und Märchen war sie ja selbst Expertin, und falls wirklich so eine verlorene Seele bei ihr etwas Wärme suchen würde; ja dann würde sie halt mit ihr am Strand sitzen, zuhören, was ihr diese zu erzählen hatte und sie weiter schicken. Denn Sie müssen wissen: auch Hexen können verlorene Seelen nicht retten, und diese aufwärmen zu wollen ist nicht ganz harmlos. Man lässt sie daher besser nicht in’s Haus.
Nach diesem ersten Wintersturm schmolz zwar der Schnee wieder, aber es blieb ein Winter mit Regen, Nebelschwaden und viel Wind. Hin und wieder wagte sich auch die Sonne hervor, und an diesen Tagen radelte die alte Hexe zum Einkaufen in’s Dorf. Sie wurde dort immer herzlich begrüsst, denn die Menschen hielten mit ihr gerne einen kleinen Schwatz ab. Mit der Zeit merkte die Hexe, dass ihr dies genauso ging, und als sie kurz vor Weihnachten bei der Frau, die ihr von ihrer Tochter erzählt hatte, zum Tee eingeladen wurde, war sie richtig gerne hingegangen.
Am Weihnachtstag schmückte die alte Hexe ihre Stube mit etwas Holz und alten Girlanden, die sie in der Rumpelkammer gefunden hatte, aber so richtig weihnachtlich war das natürlich nicht. So radelte sie am Nachmittag nochmals in’s Dorf um einen kleinen Tannenbaum und einige Kugeln zu kaufen. Die Krämersfrau wollte gerade den Laden schliessen. Einen Baum hatte sie keinen mehr. Aber sie band der alten Hexe einige Tannenäste auf’s Rad und gab ihr die letzte Schachtel roter Kugeln und Kerzen mit.
Zu Hause dekorierte die alte Hexe eine festliche Stube. Sie schmückte den Baum, buk Lebkuchen und braute sich einen Eierlikör. Als sie die Kerzen am Baum anzündete wurde ihr ein bisschen wehmütig um’s Herz. Sie fühlte sich etwas alleine. An diesem Tag sassen die Menschen mit ihren Familien zusammen. Sogar die Tochter der einsamen Frau war auf einen Sprung nach Hause gekommen.
Die alte Hexe hatte auf ihrer Wanderung erkannt, dass sie nicht die einzige war, die gerne alleine war. Und es war ihr im Grunde genommen auch richtig wohl mit ihrem Eierlikör, im Schaukelstuhl, in einer Decke eingemummelt und mit den brennenden Christbaumkerzen. Die alte Hexe vermisste keinen der Dorfbewohner. Aber sie dachte an ihren alten Freund und an ihr Häuschen am Waldrand.
Sie dachte über ihre Wanderung nach, über die Zeit hier am Meer. Sie dachte daran, wie sie im Frühjahr schwer krank gewesen war und wie sie mit ihrem alten Freund Erdbeeren gegessen hatte. Sie dachte an all die Menschen, die sie kennen gelernt hatte. Und plötzlich wurde ihr etwas bewusst: Das alles hatte sie in nur  wenigen Monaten erlebt! Früher, in der Zeit als vergessene Hexe, dauerte ein Jahr nur ein Wimpernschlag, brauchte es für zehn Jahre einige Atemzüge, war die Zeit an ihr vorbei geglitten. Heute Abend, an diesem Weihnachtstag, konnte sie jedoch die Wochen zählen, seit sie ihr Dorf verlassen hatte, erinnerte sie sich genau an den Wintersturm im letzten Monat, und sah sie das Gesicht, der Krämersfrau, die ihr heute Nachmittag schöne Weihnachten gewünscht hatte, noch ganz deutlich vor sich.
Die Zeit war langsamer geworden, ja sie war fast stehen geblieben! Die alte Hexe schüttelte den Kopf. Das konnte nicht sein. Die Zeit war immer dieselbe. Die ging stetig voran, immer im gleichen Rhythmus, ohne Ziel, ohne Ende.
Da wurde die alte Hexe traurig. Traurig, weil sie erkannte, wie viel Zeit sie hatte verstreichen lassen, wie viele Jahre sie an sich hatte vorbei ziehen lassen. Die Tränen rannen ihr über das Gesicht, und wie wir ja wissen, öffnete sie damit ein Fenster zu ihrer Seele.
Nach einer Weile kehrte ihr Lächeln zurück. Denn sie wusste: Sie hatte in jener Nacht, mit ihrem alten Freund, in ihrem Garten, aufgehört die Zeit an sich vorbei ziehen zu lassen. Sie dachte an das alte Jahr, das bald zu Ende war und an das Neue, das kommen wird. Auch wenn sie eine alte Hexe war; sie hatte keine Ahnung, was es ihr bringen würde, und das war gut so. Denn sie freute sich darauf.

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3 Kommentare

  1. Super!
    Ich denk, die Geschichten der alten Hexe haben Potential für mehr 🙂

    1. He danke! Mir liegt sie auch am Herzen, die alte Hexe:-)

  2. Hat dies auf streetpixels rebloggt und kommentierte:
    Monatsgeschichten – Mal was ganz anderes und Wert, gelesen zu werden!

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